Blick aus dem Kircheninnenraum in den Himmel

(c) Jutta Petri

Der Gottesdienst ist das liturgische Zentrum des christlichen Glaubens. In ihm finden Christen Gemeinschaft, sie begegnen Gott und bekräftigen ihren Glauben immer wieder aufs Neue.

Welche Stationen hat ein Gottesdienst, bzw. kann er haben? Welche Bedeutung haben diese verschiedenen Stationen? Was rühren sie in uns an? Welche Bilder im Kirchenraum gehen in Resonanz mit ihnen? 
Anhand der verschiedenen Stationen eines Gottesdienstes erkunden wir den Raum einer Kirche, seine Kunstwerke, seine Ausstattung.

Pastor Henning Ernst vom Männerforum der Nordkirche nimmt uns mit auf eine Reise in die lange Tradition des christlichen Gottesdienstes.

Sei dabei – mit Worten, Bildern und vielleicht auch inneren Klängen.

St. Nikolai-Kirche, Flensburg, Blick nach Osten auf den Altar

(c) Jutta Petri

Die christliche Liturgie ist wie eine gut geprobte Inszenierung – nur dass hier das Publikum nicht nur zuschaut, sondern aktiv mitspielt. Jeder Gottesdienst, jede Messe folgt einer klaren Abfolge, fast wie ein vertrauter Weg durch einen schönen Garten:

Zuerst beginnt alles mit dem Einzug, bei dem die Pastor*in und die Gemeinde gemeinsam Platz nehmen – ein symbolisches „Hereinkommen in Gottes Gegenwart“. Dann folgen Gebete, Lesungen und Predigt, in denen Geschichten, Weisheit und Inspiration direkt ins Herz geleitet werden. Der Höhepunkt ist die Abendmahlsfeier am Altar: Brot und Wein werden geteilt, ein starkes Zeichen für Gemeinschaft, Erinnerung und Gottes Nähe. Zum Abschluss gibt es den Segen und den Auszug, die die Gläubigen wieder in den Alltag schicken – gestärkt, getröstet und hoffentlich ein bisschen leichter im Herzen.

Für Gläubige ist die Liturgie weit mehr als ein Ablaufplan: Sie gibt Struktur, Halt und einen Ort, an dem der Glaube sichtbar und erfahrbar wird. Sie verbindet Menschen über Zeit und Raum hinweg, schafft gemeinsame Rituale und erinnert daran, dass Spiritualität nicht nur im Kopf, sondern im ganzen Leben spürbar ist. 

 

Epitaph der Familie von Bülow, 1574, Detail, Dorfkirche Friedrichshagen

(c) Jutta Petri

KYRIE – so heißt die 1. Station des Gottesdienstes. Es ist Anfang jedes Gottesdienstes.
Das Wort stammt aus dem Griechischen und bedeutet Herr.

KYRIE war in der vorchristlichen Zeit einer der 1000 Namen für Gott. Es sollte damals den weltlichen Herrschern (Kyrios) den Rang ablaufen nach dem Motto: Gott ist der eigentliche Herr(scher)! Im Christentum wurde der Begriff auf Jesus Christus übertragen. Im Gottesdienst singt die Pastor*in / der Priester KYRIE eleison, das bedeutet Herr erbarme dich!

Was bedeutet diese Station im Gottesdienst? - Impulse für Dich.

KYRIE eleison verweist auf das große Kreuz in der Mitte dieser Kirche. Es ist auch Dein Kreuz! Es soll den Schmerz zeigen, der uns alle trifft, mehr oder weniger, früher oder später. Ein Schmerz, eine Scham, eine Schuld, die ein Teil von uns geworden ist, die wir nicht abschütteln, verdrängen oder vergessen können. Sie gehört zu uns. Hier wird all das ernst genommen, was weh tut, all das, was sonst eher verdrängt wird und all das, über was sich so schwer sprechen lässt.

Das Epitaph (Gedenkbild) der Familie von Bülow in der Dorfkirche Friedrichshagen zeigt uns nicht nur das Leid des gekreuzigten Jesus, sondern auch die Trauer und den Schmerz seiner Mutter und Begleiter und Begleiterinnen.

 

Epitaph für Hans Rantzau, Detail: die Erhöhung Jesu auf dem Berg Taborg, Marienkirche, Rendsburg

(c) Ulrike Taege

GLORIA – ist die 2. Station des Gottesdienstes. Wörtlich übersetzt heißt Gloria „Herrlichkeit, Ruhm, Ehre“.

Es ist ein Gesang zwischen Pastor*in / Priester und Gemeinde. Der Text des Gesangs geht auf das Evangelium des Lukas zurück. Dort heißt es im 2. Kapitel, Vers 14: "Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens". Diesen Lobgesang stimmten die Engel zur Geburt Jesu an. Das Gloria ist ein sehr alter Bestandteil des Gottesdienstes.

Was bedeutet diese Station im Gottesdienst? – Impulse für Dich.

Das GLORIA lädt ein neu sehen zu lernen, über den Schmerz hinaus mit anderen Augen auf sich selbst zu blicken. Richte Deinen Blick nach oben zum Licht. Über dem Kreuz gibt es Ausblicke, durch die Fenster fällt Licht. In Dein Leben fällt Licht, auch wenn Du es vielleicht gerade nicht hineinlassen kannst. GLORIA bedeutet in jeder Wasserpfütze den Himmel und sein Licht zu sehen! Mich selbst und die Menschen und Dinge um mich neu sehen lernen, das ist GLORIA.

Dieser Christus auf einem Epitaph aus dem 17. Jahrhundert in der Rendsburger Marienkirche scheint im Licht zu tanzen. Er ist der Welt entrückt - in den Himmel.

 

Predella des Altaraufsatzes mit Darstellung des Abendmahls, St. Johannes-Kirche, Wusterhusen

(c) Jutta Petri

CREDO – ist die 3. Station im Gottesdienst. Es heißt wörtlich übersetzt: Ich glaube.

Das Credo ist ein Glaubensbekenntnis, in dem die wichtigsten theologischen Inhalte einer Glaubensgemeinschaft zusammengefasst sind. Durch ein Glaubensbekenntnis grenzen sich Glaubensgemeinschaften voneinander ab. Sie vergewissern sich ihres gemeinsamen Glaubens, in dem sie es gemeinsam sprechen.
Die Geschichte des Christentums kennt verschiedene Glaubensbekenntnisse. Hier bekenne ich mich zu Gott, zum Nächsten und letztlich auch zu mir selbst. In der christlichen Tradition wurden die einzelnen Sätze des Glaubensbekenntnisses den Apostel zugeschrieben. Sie bekannten sich als erste zu Jesus Christus und zu Gott.

Was bedeutet diese Station im Gottesdienst? – Impulse für Dich.

Diese Station lädt dich ein, dich zu fragen: Habe ich meine Gaben entdeckt, bin ich der Mensch, der ich sein will? Oft erfüllen wir die Erwartungen anderer. Laufen davon, wir selbst zu sein, weil das unter Umständen viel Mut erfordert und Angst macht! Einige flüchten sich in die Arbeit, in eine Affäre, in eine Parallelwelt. Andere werden krank, süchtig oder verstummen. Kennst Du das, hast Du schon solche Täler durchschritten, steckst Du vielleicht mittendrin? Das CREDO im Gottesdienst heißt, sich auf die Suche zu machen nach den Aufgaben, die mir gestellt sind und die nur ich lösen kann.

Auf dem Bild siehst du einen Auschnitt des Abensmahls vom Altar in der St. Johannes-Kirche in Wusterhusen. Die Begleiter Jesu, die späteren Apostel (Gesandte), stecken ihre Köpfe zusammen. Jeder von ihnen steht für einen Satz aus dem CREDO.

 

Ursula Dietze: Mit Maria, Installation in der Dorfkirche Leplow, 2017.

(c) Jutta Petri

SANCTUS, das ist die 4. Station im Gottesdienst. Wörtlich übersetzt heißt SANCTUS „Heilig!“.

Das Sanctus ist ein Gesang, der zum Beginn der Abendmahlsliturgie angestimmt wird. Es ist ein sehr alter Teil des Gottesdienstes und gehört zum festen Bestand des jahrhundertealten Ablaufes. Der Text des Gesanges setzt sich aus zwei Bibelstellen zusammen aus dem Buch des Propheten Jesaja und den Psalmen.

Was bedeutet diese Station im Gottesdienst? – Impulse für Dich.

Eintauchen und staunen über die Wunder der Welt, darum geht es hier. Selbst ein Teil dieses Wunders zu sein und sich nicht abgetrennt zu fühlen. Das SANCTUS will uns an unsere Verbundenheit mit der Umwelt erinnern, die eigentlich von Anfang an da war. - Eigentlich! Denn dieses Sich-Verbunden-Fühlen mit der Umwelt ist uns zwar in die Wiege gelegt, muss aber immer wieder aktiviert werden.
Unsere Umwelt – das ist die Natur und das sind die Menschen um uns.

In dieser Installation der Künstlerin Ursula Dietze versammeln sich stilisierte Figuren um Maria im Zentrum. Die Plastiken wurden von Gemeindemitgliedern geschaffen. Sie laden uns ein, mit ihnen zu sein.

 

Taufengel aus der Johanneskirche, Wusterhusen

(c) Jutta Petri

BENEDICTUS – so heißt die 5. Station im Gottesdienst – Im wörtlichen Sinne heiß es „gut-gesprochen“. BENEDICTUS ist ein Teil des SANCTUS und wurde mit ihm zusammengesungen.

Was bedeutet diese Station im Gottesdienst? – Impulse für dich.

Wer sieht dich in deinem Leben mit Wohlgefallen? Kannst Du als Kind und auch heute sein, wie du bist und in dieser Liebe weiterwachsen? BENEDICTUS bedeutet im Kern: „Schön, dass Du da bist!“, im wörtlichen Sinne heißt es: „gut-gesprochen“. Doch diese Erfahrung gemacht zu haben, geliebt und „gut-geheißen“ zu sein, ist nicht selbstverständlich, und deshalb wird es dir / uns im Gottesdienst zugesprochen!
Im Sakrament der Taufe nimmt Gott den Menschen voll und ganz an. Der Mensch bringt sich vor Gott so wie er ist und wird „gut-geheißen“.

In der Epoche des Barock kamen Taufengel in die Kirche. Sie empfingen den Täufling und begleiteten ihn durch das Taufritual. Manche dieser Skulpturen "schwebten" sogar vom Kirchengewölbe herab.

 

Taufdeckel, Detail, St. Annen-Kirche, St. Annen

(c) Jutta Petri

AGNUS DEI -die letzte Station – heißt wörtlich Lamm Gottes. Das Lamm symbolisiert Reinheit und Unschuld. In der Bibel wird Jesus Christus als Lamm Gottes bezeichnet.

In den Evangelien, die von dem Leben Jesu berichten, wird ein enger Bezug zwischen dem letzten Abendmahl Jesu und dem jüdischen Pessach-Fest, bei dem ein Lamm geopfert wird, hergestellt. Der Text des AGNUS DEI lautet in der Übersetzung Martin Luthers: „Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd der Welt, erbarm dich unser“. Der Satz wird nach den Einsetzungsworten in der Abendmahls-Liturgie drei mal von der Gemeinde gesungen.

Was bedeutet diese Station im Gottesdienst? – Impulse für Dich.

Im AGNUS DEI, geht es darum, Verantwortung zu übernehmen für sich selbst und für andere und dabei den Heiligen Geist mitwirken zu lassen. Jesus wurde als Gottes Lamm gesehen weil er unschuldig, wie ein Opferlamm zu Tode kam. Jesus übernahm Verantwortung, wo andere wegschauten oder sich aus der Verantwortung zogen. Wer sich für etwas entscheidet und handelt, entscheidet sich auch zwangsläufig gegen die anderen Möglichkeiten und macht sich damit manchmal auch schuldig.

An vielen Stellen im Kirchenraum begegnen wir der Darstellung einer Taube - nicht nur in alten Kirchen. Sie symbolisiert den Heiligen Geist, der wirksam ist, wenn Menschen im Glauben an Jesus Christus handeln.

 

Skulptur des Hoffnung und Glasmalerei mit der Auferstehung Jesu, St. Andreas-Kirche, Lübeck-Schlutup

(c) Jutta Petri