Blick durch den Innenraum der Marienkirche nach Osten.
(c) Ulrike TaegeRendsburg – ein wahrer Verkehrsknotenpunkt: Autobahn, Nord-Ostsee-Kanal und nicht zuletzt die Rendsburger Hochbrücke laden dazu ein, die Stadt mit jedem erdenklichen Verkehrsmittel zu erreichen. Doch das ist kein modernes Phänomen. Schon einst durchquerte der Ochsenweg, in Dänemark auch Heerweg genannt, diese Region und führte Händler sowie Pilger direkt in die Stadt. Die Eider bot hier eine Furt, die begehbar war und die sich im Laufe der Zeit zu einer blühenden Stadt entwickelte. Es lag nahe, an diesem bedeutenden Ort eine große Stadtpfarrkirche zu errichten – eine Entscheidung, die sich als weise erwies. Die Ausstattung der Marienkirche zählt zu den prächtigsten im Land und birgt eine Fülle Sehenswertens.
Tritt ein! Die Kirche ist offen.
Der Grundstein der gotischen Hallenkirche wurde kurz nach dem verheerenden Stadtbrand von 1286 gelegt. Im Kreuzrippengewölbe offenbaren sich Malereien aus der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts, die in den 1950er Jahren wieder freigelegt und behutsam restauriert wurden – darunter eine Darstellung des Heiligen Christophorus. Der Heilige Christophorus gilt als Schutzpatron der Reisenden. Man sagte: Wer sein Bild sieht, stirbt an jenem Tag nicht unerwartet. Zwar versprach das keine Unsterblichkeit, doch für lange Zeit bedeutete es einen verlässlichen Schutz für einen „guten“ Tod.
Weitere Informationen zur Kirche und zu den Angeboten des Teams der Offenen Kirche erhalten Sie hier: https://www.kirchengemeinde-rendsburg.de/kirchen/st-marien-kirche
Blick in den Chorraum mit Altar, Taufe und Kanzel
(c) Ulrike TaegeIn früheren Jahrhunderten gehörten Kirchengebäude quasi zur „Grundausstattung“ eines Ortes. In den Städten entstanden je nach Größe sogar mehrere Pfarrkirchen, die die religiöse „Versorgung“ der Einwohner sicherstellten.
In einer Zeit, in der weder staatliche noch private Versicherungen die finanzielle Absicherung der Menschen übernahmen, brauchte es mehr als nur seelsorgerliche Begleitung. Eine wirkliche Absicherung in allen Lebenslagen, auch über den Tod hinaus, war notwendig – diese bot der Glaube an Jesus Christus.
Kirchen sind Orte, an denen die Hoffnung auf Gottes Gnade sichtbar und erfahrbar wird, damals wie heute. Ihre Ausstattung steht sinnbildlich für diese uralte Hoffnung. Die Marienkirche in Rendsburg kann zahlreiche Geschichten erzählen – von Menschen, ihrem Leben, ihrem Glauben und ihrer Zuversicht. Sie gleicht einem „Geschichtsbuch“ der Stadt.
Die Ausstellung "Glaubensspuren" vor Ort bietet Ihnen einen Überblick über wichtige Stationen dieser Geschichte.
Die Marienkirche erlebte die Umbrüche der Reformationszeit und zählt heute als evangelisch-lutherische Kirche. Dies spiegelt sich deutlich in ihrer Ausstattung wider. So soll es in einer lutherischen Predigtkirche sein: Altar, Kanzel und Taufe stehen gut sichtbar im Chorraum beieinander.
Der große Altaraufsatz von 1649. Gearbeitet von dem Bildschnitzer und Bildhauer Henning Claussen aus Ditmarschen
(c) Ulrike TaegeDer große Altaraufsatz der Kirche ist wahrhaft ein Blickfang. Er zieht sofort die Aufmerksamkeit der Besucher*innen auf sich – kein Wunder, denn er reicht vom Altartisch bis hinauf unter das Gewölbe. Säulen, Giebel und Gebälk strukturieren den mehrere Meter hohen Aufbau. Einzelne Figuren und Reliefs kämpfen um unsere Aufmerksamkeit, sodass man kaum weiß, wohin man zuerst schauen soll. Nicht eine leere Fläche, kein freier Raum stört diese Sinfonie aus Marmor.
Marmor? Ja, zumindest scheint es so: Säulen und architektonische Umrahmungen aus rotem und schwarzem Marmor, Figuren und Reliefs aus weißem Marmor. Doch Vorsicht! Hier trügt der Schein. Lediglich die Reliefs in der unteren Bildzone bestehen wirklich aus Alabaster. Dennoch bleibt es beeindruckend: Der Rest des Altaraufsatzes ist kunstvolle Bildschnitzerei aus Eiche. Man könnte sagen, ein wohlüberlegter Einsatz von Materialien. Denn Holz ist im Norden einfach günstiger als der kostbare Marmor und Alabaster, die von weit her importiert werden müssen.
Der Altaraufsatz wurde 1648/49 von Henning Claussen aus Dithmarschen im Auftrag der Offizierswitwe Elisabeth Beling geschaffen. So zählt das prächtige Kunstwerk zu den zahlreichen bürgerlichen Stiftungen der Kirche. Sein Bildprogramm liest sich wie ein Bekenntnis zum evangelisch-lutherischen Glauben. Im Zentrum steht die Kreuzigung Jesu. Auf diesem historischen „Wimmelbild“ tummeln sich viele, sehr viele Menschen. Die Hauptfigur – der gekreuzigte Jesus – ist beinahe schon in den Himmel entrückt, so hoch oben ist er ins Holz geschnitzt.
Soldaten würfeln um die Kleider Jesu, Detail vom Kreuzigungsrelief des Altaraufsatzes.
(c) Ulrike TaegeDie Kreuzigungsszene im Mittelfeld ist wirklich ein Wimmelbild. Es braucht etwas Zeit, um sich einzusehen in all die dargestellten Figuren und Dinge. Diese Szene vereint alle Erzählungen zur Kreuzigung Jesu, die uns die Evangelisten hinterlassen haben. Zugleich folgt der Bildschnitzer der erzählerischen Begeisterung seiner Epoche. Manche der Menschen sind in den biblischen Berichten nicht erwähnt, doch ganz sicher sind die hier im Detail gezeigten Personen präsent. Es handelt sich um Soldaten, die um Jesu Kleider spielen. In einem weiteren Akt der Grausamkeit würfeln sie darum, wer die Gewänder des Gestorbenen an sich nehmen darf. In den Evangelien heißt es, sie hätten das Los geworfen. So berichtet der Evangelist Lukas: „Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum“ (Lk 23, 34).
In der großen Bildkomposition bildet diese Gruppe von Menschen auf der rechten Seite das Gegenstück zu den Trauernden.
Sprechen Sie gern die Damen und Herren vom Team der Offenen Kirche an, wenn Sie Fragen - nicht nur - zu dem prächtigen Altaraufsatz haben. Sie werden mit Ihnen das umfangreiche Bildprogramm erkunden und auf Besonderheiten hinweisen.
Ein Putto betrachtet nachdenklich das Geschehen auf dem Kreuzigungsrelief. Er hat es sich auf einem Maskaron bequem gemacht.
(c) Ulrike TaegeDer Altaraufsatz gilt als ein herausragendes Meisterwerk des Manierismus in Norddeutschland. Henning Claußen und seine Werkstattmitarbeiter schufen vor fast 400 Jahren ein üppiges Kunstwerk, das unsere Blicke unaufhörlich fesselt. Dabei sind es nicht nur die erzählerischen Details der großen Reliefs, die uns in ihren Bann ziehen, sondern ebenso die eigenwillige Ornamentik. Die architektonischen Elemente des Altars, bis auf die Säulen, lösen sich in einem reizvollen Spiel aus geschwungenen Linien auf. Dieses sogenannte „Knorpelwerk“ oder auch „Ohrmuschelstil“ erfreute sich damals in Norddeutschland großer Beliebtheit. Es steht im bewussten Gegensatz zur strengen Linienführung der Renaissance.
Häufig sind in dieses knorpelartige Geflecht so genannte Maskarons eingearbeitet. Diese eigenwilligen grotesken und fantasievollen Gesichter spiegeln meist die Thematik des jeweiligen Bildwerks wider, in das sie eingebunden sind.
Ein kleiner Putto sitzt auf einer solchen Fratze. Er ist in den Anblick des dramatischen Geschehens der Kreuzigung versunken. Sein frommes Nachdenken bedrängt das ornamentale Wesen. Es darf geschmunzelt werden ...
Skulpturen der Apostel auf dem Giebel des Altaraufsatzes. Im Hintergrund eines der Buntglasfenster aus dem 19. Jahrhundert.
(c) Ulrike TaegeErzählerische Reliefs, antike Säulen, fantasievolle Ornamente – die Vielzahl an Bilddetails des Altaraufsatzes ist damit längst nicht erschöpft. Zwischen den Säulen der mittleren Zone sowie auf dem geschwungenen Giebel reihen sich einzelne Skulpturen aneinander. Langgestreckt und lebhaft gestikultierend, bekrönen sie die Kreuzigungsszene und stimmen auf das Bild der Auferstehung Jesu im oberen Relief ein. Es sind die Apostel, die ersten Weggefährten Jesu. Nach seinem Tod wagten sie es als Gesandte, hinauszutreten in die damals bekannte Welt, um das Christentum zu verbreiten.
Beim Betrachten dieser Figurenreihe sollten wir einen Moment innehalten und unseren Blick weit zurückwenden – tief in die Geschichte der Kirche. Denn als der Altaraufsatz Mitte des 17. Jahrhunderts gestiftet wurde, hatten die Kirchenbesucher*innen nicht denselben freien Blick auf den Altarraum, den wir heute genießen. Es ist kaum vorstellbar, doch damals stand eine breite Sängerempore vor dem Altarraum. Ähnlich einem Lettner trennte sie den Altarraum vom Mittelschiff ab. Der prächtige Altaraufsatz war für die Gemeinde also kaum sichtbar oder besser gesagt nicht vollständig. Vermutlich ragte er mit dem gekreuzigten Jesus, der Apostelreihe und der Auferstehungsszene über die Sängerempore hinaus – ein wahrer Perspektivwechsel.
Die Kreuzigung Jesu, Detail der Glasmalerei aus dem 19. Jahrhundert
(c) Ulrike TaegeDie beiden Glasmalereien rechts und links vom Altar gab es damals noch nicht. Sie wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts gestiftet. Rechts zeigt sich die Auferstehung Jesu, wodurch das Thema der Bekrönung des Altaraufsatzes erneut aufgegriffen wird. Auf dieser Glasmalerei können wir nun groß und deutlich eine der Wachen erkennen, von denen es heißt, sie „erschraken aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot“ (Evangelium nach Matthäus, 28, 4).
Von den alten Glasmalereien, die wir in einer mittelalterlichen Kirche erwarten, ist nichts erhalten. Das überrascht kaum, denn Glasmalereien sind äußerst empfindliche Kunstwerke, die trotz Bleiruten und Metallverstärkungen schnell zerbrachen. Insbesondere die Reformation und die neue Raumästhetik der Renaissance trugen dazu bei, dass die kostbaren Glasmalereien des Mittelalters ausgebaut und entfernt wurden. Man benötigte sie einfach nicht mehr. Außerdem verdunkelten sie den Kirchenraum, was als unerwünscht galt. Erst im 19. Jahrhundert, als die Begeisterung für alles Mittelalterliche wieder auflebte, wurde die Tradition der Glasmalerei erneut belebt.
Blick auf die Glasmalerein von Käte Lassen, 1949, (links) und aus dem 19. Jahrhundert (rechts)
(c) Ulrike TaegeSeit dem 19. Jahrhundert erlebt die alte Tradition der Glasmalerei nicht nur eine Wiederbelebung, sondern im 20. Jahrhundert erstrahlt sie sogar in neuem Glanz. Zahlreiche Künstler*innen haben mit dem zerbrechlichen Material experimentiert und so einzigartige Werke geschaffen. Einen faszinierenden Einblick in die Vielfalt des künstlerischen Ausdrucks sowie die technischen Möglichkeiten moderner Glasmalerei in Hamburg und Schleswig-Holstein bietet die Website https://kirchenfenster.sh-kunst.de/
Auch die Flensburger Malerin Käte Lassen (1880–1956) entwarf beeindruckende Glasmalereien. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren ihre Arbeiten vor allem im im nördlichen Schleswig-Holstein gefragt. Damals mussten viele Kirchen wegen massiver Kriegsschäden renoviert werden. Die Glasmalerei ermöglichte es, eine moderne Formsprache in die Kirchenräume zu integrieren, ohne dabei die historische Ausstattung zu verdrängen.
Für die Marienkirche in Rendsburg gestaltete Käte Lassen zwei Fenster mit den vier Evangelisten in der für sie charakteristischen Formsprache. Im Hintergrund links sind hier Matthäus und Johannes zu sehen. Sie schauen seit 1949 in die Kirche hinein. Die Fenster wurden zum Andenken an die verstorbene Ehefrau und die Mutter des Reeders Entz von Zerssen gestiftet.
Drei Reliefs von der Kanzel geschnitzt von Hans Peper (1597)
(c) Ulrike TaegeNachdem wir die Glasmalereien betrachtet haben, wenden wir uns nun wieder den liturgisch bedeutenden Ausstattungsstücken der Kirche zu. Die Glasmalereien dienten zwar der Ehre Gottes und der Zierde der Kirche, doch spielten sie keine Rolle im Ablauf des Gottesdienstes. Ganz anders verhält es sich mit dem Stück, das wir jetzt näher betrachten wollen: der Kanzel. Sie ist ein prachtvolles Beispiel für die Spätrenaissance in Schleswig-Holstein. Geschaffen wurde sie 1597 vom Rendsburger Bildschnitzer Hans Peper. Ursprünglich hatte sie die längliche Form einer sogenannten „Schiffsbrückenkanzel“ und war unbemalt. Die steinfarbene Fassung mit ihren goldfarbenen Akzenten stammt aus der Barockzeit.
Über die Funktion und den Aufbau einer Kanzel erfahren Sie hier in Kürze mehr https://www.kunst-geschichte-kirche.de/im-blick/.
Die Kanzel wurde übrigens von Bürgermeister Peter Gude und seiner Frau Tebbe gestiftet. Darüber informiert uns die Inschrift auf der Kanzel, die auch ihr Herstellungsdatum nennt. Allerdings schweigt die Inschrift über die finanzielle Notlage, in die Hans Peper als selbstständiger Werkstattleiter durch diesen Auftrag geriet. Ein erhalten gebliebener Bittbrief des Meisters an den Rendsburger Rat beschreibt die hohen Kosten für Material und Löhne und beklagt, dass der Auftraggeber nicht bereit sei, die gestiegenen Ausgaben zu tragen. Diese Situation erinnert stark an die allzu bekannten Kostenexplosionen, die Handwerksbetriebe bis heute beschäftigen. Gleichzeitig ist das Schreiben ein seltenes und wertvolles Zeugnis für die Lebensrealität eines Werkstattleiters in der frühen Neuzeit. Eine Kopie des Briefes hängt in der Kirche.
Ein Engel vom Schalldeckel der Kanzel
(c) Ulrike TaegeDie Kanzel hatte ein "bewegtes Leben". Bereits 1621 musste sie grundlegend erneuert werden. 1853 "wanderte" sie schließlich an ihren jetztigen Platz.
Die für das Luthertum später so wichtige Einheit von Altar und Kanzel war zur Entstehungszeit der Kanzel, um die Wende zum 16. Jahrhundert, offenbar noch nicht bestimmend für ihren Standort. Stattdessen folgte man einer damals weit verbreiteten Tradition, die Kanzeln mittig der Südwand aufzustellen.
Mit dieser Standortwahl entstand in der Zeit nach der Reformation, als feste Sitzbänke im Kirchenraum üblich wurden, ein zentrales Problem: Die Gemeinde konnte nicht gleichzeitig auf den Altar und auf die Kanzel schauen. Sie lagen in unterschiedlichen Blickachsen. Ohne festes Kirchengestühl, konnten die Gottesdienstbesucher und -besucherinnen sich flexibel umdrehen und umsetzen, nun aber nicht mehr. Die Verschiebung der Kanzel in die Blickachse auf den Altar war daher eine gute Idee.
In Rendsburg kam hinzu, dass die Sängerempore den Chorraum und damit den Blick auf den Altar abriegelte. Mitte des 19. Jahrhunderts entschied man sich zum Abriss der Sängerempore, um den Chorraum im Sinne des evangelisch-lutherischen Bekenntnisses für alle Kirchenbesucher*innen zugänglich und die wichtigsten Austattungsstücke, die Prinzipalstücke, zusammenzulegen.
Blick in die Dauerausstellung "Glaubensspuren" mit Bänden aus der Privatbibliothek des Marquard Gude aus dem 17. Jahrhundert.
(c) Ulrike TaegeEin Blick in die „Kirchenbibliothek“ des Marquard Gude. Gude stand in den Diensten des dänischen Königs sowie des Herzogs Christian-Albrecht von Holstein-Gottorp. Im Verlauf seines Lebens gelang es ihm, eine beeindruckende Bibliothek zusammenzutragen, die unter anderem griechische und lateinische Handschriften umfasste. Nach seinem Tod wurde dieser einmalige Schatz nach und nach zerstreut. Heute befinden sich wertvolle Handschriften aus Gudes Sammlung unter anderem in Wolfenbüttel und Kopenhagen.
Ungefähr 1000 Bücher sollten laut Gudes Verfügung jedoch in der Rendsburger Marienkirche verbleiben. Diese Schätze ruhten mehr als 150 Jahre hinweg in der Gruftkapelle des Ehepaars Gude. Anschließend begann ihre abenteuerliche Reise durch Dachböden und Archive, bis sie im Jahr 2025 als Dauerleihgabe an die Schleswig-Holsteinische Landesbibliothek übergeben wurden.
Einen kleinen Einblick in diese wertvolle Sammlung erhalten Sie in der Dauerausstellung „Glaubensspuren“ in der Marienkirche. Ein Besuch lohnt sich!
Andachtsraum und Meditationsstätte mit der Triumphkreuzgruppe von 1510/20
(c) Ulrike TaegeNeben der Kanzel, auf Augenhöhe mit uns, den Kirchenbesucher*innen, befindet sich heute eine Triumphkreuzgruppe. Diese Figurengruppe wurde um 1510 geschnitzt und stand ursprünglich am Übergang zwischen dem Langhaus der Kirche, in dem die Gemeinde zusammenkam, und dem Altarraum, der ausschließlich den Geistlichen vorbehalten war. Sie markierte weithin sichtbar den Ort, an dem des Todes Jesu gedacht wird. Heute lädt diese Gruppe zu privater Andacht, Gebet und stiller Einkehr ein.
Den Raum gestaltete im Jahr 2001/02 Kurt Lange.
In der Marienkirche gibt es zudem einen weiteren Gedenkraum, der an die Gefallenen aller Kriege erinnert. Im Zentrum der Kapelle steht die Installation eines Lebensbaums, der an die Worte aus dem Evangelium des Matthäus (Kapitel 5, Vers 9) erinnert: „Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder heißen“.
Diese eindrucksvolle Gestaltung entwarf Anna Bandholz für die 2019 eröffnete Dauerausstellung „Glaubensspuren“.
Entdecken Sie in der Marienkirche Orte, die Geschichte lebendig werden lassen und Raum für Begegnung, Besinnung und Erinnerung bieten.
Durchblick vom Epitaph Rantzau zum Epitaph Farenwolt
(c) Ulrike TaegeBeim Rundgang durch die Marienkirche fällt sofort die Fülle an Gedenktafeln und Epitaphien ins Auge. In verschiedenen Formen und Größen schmücken sie die Wände und Pfeiler des Kirchenschiffs und verleihen dem Raum eine besondere Würde. Sie sind ein kostbarer Schatz.
Heute sind in der Marienkirche noch 17 Epitaphien erhalten, während es Mitte des 19. Jahrhunderts doppelt so viele waren. Neben dem Stadtarchiv bildet diese reiche Sammlung an Epitaphien das Gedächtnis der Stadt Rendsburg. Hier begegnen wir wohlhabenden und einflussreichen Bürgern sowie Bürgermeistern der Stadt – den Gudes, den Harders, den Sibbern, den Hennings und vielen anderen.
Diese Männer und Frauen konnten es sich leisten, in der Kirche beerdigt zu werden und eine Grabplatte sowie eine prächtig geschnitzte Gedenktafel zu finanzieren. Wer das "nötige Kleingeld" nicht besaß, bleibt bis heute namenlos.
Die Epitaphien geben uns mit ihren Inschriften nicht nur Auskunft über die Lebensdaten der Verstorbenen, sondern auch über ihre soziale Stellung und ihren Lebenswandel. Sie wollen uns in Erinnerung bleiben als "ehrbare, tugendhafte und fromme" Menschen, deren größte Sorge die Erlangung der Gnade Gottes war.
Dass die Wirklichkeit nicht immer so ideal war, wie es die Darstellungen auf den Epitaphien vermuten lassen, haben wir durch den Brief des Hans Peper erfahren.
Über Epitaphien erfahren Sie hier mehr: https://www.kunst-geschichte-kirche.de/im-blick-denk-an-mich-behlendorf/ und hier: https://www.kunst-geschichte-kirche.de/im-blick-innehalten-radwegekirche-friedrichshagen/
Das Epitaph des Ehepaares Harder geschnitzt von Claus Heim, 1637
(c) Ulrike TaegeDas 17. Jahrhundert gilt als die Blütezeit der Epitaphien. Wer es sich leisten konnte, ließ eine solche Gedenktafel für sich selbst oder seine Familie anfertigen. Neben der Herstellung von Altaraufsätzen, Kanzeln und Taufdeckeln war die Anfertigung von Epitaphien zweifellos die lukrativste Einnahmequelle für Bildschnitzer und Maler. Diese Werke konnten beeindruckende Ausmaße annehmen, wie man in der Marienkirche sieht, und sie wurden in großer Zahl gefertigt. Während jede Kirche nur einen Altar, eine Taufkapelle und eine Kanzel benötigte, war der Platz für Epitaphien nahezu unbegrenzt: Wer zahlte, durfte eines setzen lassen.
An der reichhaltigen Sammlung der Rendsburger Marienkirche lassen sich verschiedene Entwicklungsphasen norddeutscher Epitaphien nachzeichnen. Besonders prunkvoll und bis heute beeindruckend sind die Werke des Korpel- oder Ohrmuschelstils. Diesem Stil sind wir bereits am Altaraufsatz begegnet. Das Epitaph Harder, geschaffen Claus Heim (Heimen), ist ein großartiges Beispiel dafür. Es verzichtet völlig auf eine architektonische Gliederung und gestaltet den Rahmen rein ornamental. Heim war zeitweise für den herzoglichen Hof in Gottorf tätig.
Das Epitaph des „ehrenwerten und wohlweisen“ Bürgermeisters Claus Harder, der 1645 verstarb, und seiner „ehr- und tugendhaften“ Frau Elsebe, gestorben 1643, wurde bereits zu ihren Lebzeiten in Auftrag gegeben und hängt seit 1637 über der unterirdischen Gruft des Ehepaares.
Der sogenannte "tanzende" Christus vom Epitaph für Hans Rantzau, 1623.
(c) Ulrike TaegeEin unerwarteter Anblick ist sicher dieser „tanzende“ Christus. Von der Südempore aus, können wir ihm fast in die Augen schauen - so nah ist das Relief vor der Emporenbrüstung angebracht.
Diese ungewöhnliche Christusdarstellung schmückt das prächtigste und größte Epitaph der Kirche, das Epitaph für den Rats- und Amtmann des dänischen Königs Hans Rantzau. Balthasar von Ahlefeldt der Amtsnachfolger Rantzaus hat es 1623 zu Ehren seines Vorgängers gestiftet.
Für das Bildfeld des Epitaphs wählte von Ahlefeldt die Darstellung der sogenannten „Verklärung Christi“. Das Bild zeigt, wie Christus seinen Begleitern Jakobus, Petrus und Johannes auf dem Berg Tabor erscheint. In gleißendem Licht schwebt er zwischen Mose und dem Propheten Elias. In drei Evangelienbüchern der Bibel wird von diesem geheimnisvollen Geschehen berichtet (Matthäus, Markus und Lukas). Doch an keiner Stelle ist davon die Rede, dass Christus in diesem Moment getanzt hätte.
Die Verklärung Christi ist ein relativ selten dargestelltes biblisches Ereignis. Ein berühmtes Gemälde mit diesem Titel stammt von dem italienischen Maler Raffael und befindet sich in den Vatikanischen Museen. Auf diesem Bild wirkt Christus mit erhobenen Händen schreitend, ähnlich wie auf dem Rendsburger Epitaph. Unser norddeutscher Bildschnitzer hat die Szene jedoch noch etwas schwungvoller ausgeführt.
Alt und neu im Einklang: Die moderne Orgel erhebt sich hinter den alten Reliefs.
(c) Ulrike TaegeSie trägt nicht umsonst den Titel „Königin der Instrumente“. Bereits im Mittelalter erfüllte der Klang der Orgel die Kirchenschiffe. Doch erst mit der Reformation und der damit verbundenen hohen Wertschätzung des Gemeindegesangs begann die Orgel ihren Siegeszug durch die Kirchenräume. Es gab sie in allen Größen und mit den unterschiedlichsten Tonumfängen, doch eines hatten sie alle gemeinsam: Sie waren in jeder Kirche zu finden. Sie begleitete nicht nur den Gesang der Gemeinde, sondern etablierte sich bald auch als begehrtes Instrument für Kompositionen und Konzerte.
Meistens ist von ihr nur das Orgelprospekt zu sehen, das je nach Epoche reich verziert ist und den Blick auf die großen Pfeifen freigibt. Doch der Ursprung ihres gewaltigen Klangvolumens, die Kraft ihres Tons, bleibt den Gottesdienst- und Konzertbesuchern meist verborgen.
Lange Zeit glaubte man, dass sich niemand für die Mechanik interessiere. Heute ist das anders – und das zurecht! Wer könnte sich nicht von der komplexen Mechanik verzaubern lassen, die die Luftströme lenkt und so wundervolle Musik entstehen lässt? Seit Kurzem haben Kirchenbesucher in Rendsburg die Möglichkeit, dem Zauber der Orgelmusik ganz nahe zu kommen.
Die neue „gläserne Orgel“ erklingt seit Oktober 2025 französisch- romantisch. Sie wurde erbaut von der Firma Freiburger Orgelbau. Eine informative und unterhaltsame Dauerausstellung zu Orgelgeschichte und Orgelbau rundet den Besuch ab.
Das Taufbecken aus der Mitte des 14. Jahrhunderts mit der Darstellung des Weltenrichters
(c) Ulrike TaegeMit dem ältesten Ausstattungsstück der Kirche schließen wir unseren Rundgang durch die Marienkirche ab: das bronzene Taufbecken. In seiner Form erinnert es an eine Glocke, was darauf hinweist, dass die Bronzegießer ihr Handwerk zum Herstellen großer Bronzeplastiken häufig an Kirchenglocken schulten.
Das Becken ist von einer schlichten Inschrift umgeben. Sie zeigt den Anfang des Glaubensbekenntnisses „Ich glaube an Gott, den allmächtigen Schöpfer ...“ – allerdings auf Latein. An der Wandung sind mehrere Reliefs zu sehen: Der thronende Jesus Christus wird dabei von den vier Symbolen der Evangelisten umgeben, nämlich Engel, Löwe, Stier und Adler. Diese Darstellung nennt man Weltenrichter oder Majestas Domini. Sie verweist auf das Ende der Welt und das göttliche Gericht, dem sich jeder Mensch stellen muss. Es sind die wirklich Gläubigen, die das Weltgericht mit Aussicht auf das ewige Leben bestehen. Darum ist dieses Motiv im Zusammenhang mit dem Glaubensbekenntnis auf einem Taufbecken passend und stimmig.
Die Darstellung richtete sich allerdings nicht an die Täuflinge selbst – sie waren ja allesamt Neugeborene –, sondern als Mahnung an die Tauffamilien. Eine Taufe war damals keine kindgerechte Handlung, sondern existenziell bedeutend: Wer nicht getauft wurde, bevor er starb, konnte die Gnade Gottes nicht erlangen. Wer aber getauft wurde und im Glauben lebte, konnte dem Weltenrichter gefasst entgegentreten und auf Erlösung hoffen. - Wie gut, dass sich das Taufverständnis gewandelt hat, und wir heute freudvolle Tauffeste feiern können.
Über die Bedeutung der Taufe für das Christentum erfahren Sie hier mehr: https://www.kunst-geschichte-kirche.de/im-blick-am-anfang-eine-lange-geschichte/
Das schlichte, dabei jedoch beeindruckende Werk aus der Erbauungszeit der Kirche setzt vorerst einen Schlusspunkt hinter die lange und reiche Geschichte der Rendsburger Marienkirche. Vielleicht markiert es zugleich den Beginn einer neuen Geschichte – Ihrer Geschichte vor Ort, im Erlebnis dieses Kirchenraumes, beim Betrachten der Glaubenszeugnisse längst vergangener Zeiten und nicht zuletzt im Gespräch mit Menschen vor Ort, die diesen alten Raum lebendig erhalten, seine Geschichten bewahren und immer wieder neu erzählen.
Sie sind herzlich willkommen!